Hot or not? Nischenplattformen mit Potenzial

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Die Anzahl der Social Media-Plattformen hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Auch für die meisten Unternehmen bedeutet das, dass sie es sich immer weniger leisten können, nur auf einer Plattform aktiv zu sein (nach wie vor ist das zumeist Facebook), sondern dass sie weitere soziale Netzwerke nutzen müssen, um ihre Zielgruppen zu erreichen. Hierzu können auch Nischenplattformen zählen – ein Social Media-Trend, den es zu beobachten gilt. Denn abseits der großen Player wie Facebook & Co. haben sich Netzwerke etabliert, die gerade in der Nische erfolgreich sind. Häufig unterschätzt und unter dem Radar der meisten Nutzer und Unternehmen erobern sich diese Underdogs ihren Platz im Online-Universum.

Manche dieser Nischenplattformen sind neu, manche gibt es schon länger. Sie haben zwar weitaus kleinere Nutzerzahlen, dafür verbindet sie ein Thema oder eine bestimmte Zielgruppe – was aus Marketingsicht durchaus interessant sein kann. Das bedeutet natürlich nicht, dass du nun auch auf diesen Plattformen sofort aktiv werden und Unternehmensaccounts anlegen musst. Denn wie immer sollte man sich fragen, ob sich über die Plattform eine relevante Zielgruppe erreichen lässt und ob der Charakter des Netzwerks zum eigenen Unternehmen passt. Dann bieten Nischenplattformen durchaus Möglichkeiten, Neues auszuprobieren und eine neue Zielgruppe kennenzulernen. Eine Auswahl an Nischenplattformen mit Potenzial stellen wir dir hier vor. 

Twitch – mehr als Gaming

Livestreaming ist derzeit angesagt wie nie. Zu einer festen Größe unter den Videoportalen ist in den vergangenen Jahren Twitch geworden. Die Livestreaming-Plattform ging 2011 an den Start und wurde 2014 von Amazon übernommen. Seitdem wächst Twitch beständig und hat sich mit über 15 Millionen Besuchern pro Tag und mehr als drei Millionen monatlich streamenden Creators zum Platzhirsch unter den Livestreaming-Diensten gemausert. 

Bisher wurde Twitch vorrangig in der Gaming-Szene für Livestreams von Videospielen und zur Übertragung von E-Sport-Events genutzt. Kaum verwunderlich ist daher, dass die Zielgruppe vorrangig aus jungen, männlichen, eher gebildeten und kaufkräftigen Nutzern besteht. In letzter Zeit entdecken jedoch immer mehr Nutzer*innen anderer Bereiche (außer Gaming) den Dienst – vom Bäckermeister, der live aus der Backstube streamt bis zur Fahrzeugpräsentation eines neuen Elektro-Rennwagens von Porsche. Beliebt sind auch so genannte In Real Life-Streams (IRL), in denen es um Lifestyle-Themen, Food oder DIY-Projekte geht. Aktuell hat die Coronakrise der Plattform zu einer breiteren Bekanntheit verholfen, da immer mehr Kulturschaffende Lesungen, DJ-Sets oder Musik-Events via Twitch streamen. 

Dabei bestehen Livestreams bei Twitch in der Regel nicht nur aus einem geteilten Bildschirm, sondern auch einer Face-Cam und einem Live-Chat, was die Streams durchaus interaktiv und dynamisch macht. Ebenfalls interessant: Für das Anschauen der Streams ist kein Twitch-Account notwendig, man erreicht also mit seinen Inhalten mehr als nur die eigenen Follower. Registrierten und eingeloggten Nutzer*innen stehen jedoch weitere Funktionen wie der Live-Chat, spezielle Emojis oder eine werbefreie Wiedergabe (für zahlende Abonnenten) zur Verfügung. Für Anzeigenkunden bietet Twitch unterschiedliche Banner- und Video-Anzeigenformate. 

Fazit: Twitch hat derzeit nicht nur jede Menge Wachstumspotenzial, sondern bietet auch einiges an Potenzial für Marketer. So können Zielgruppen erreicht werden, die andernorts nur sehr schwer zu erreichen sind und kaum traditionelle Medien nutzen – auch außerhalb des Gamings. Auch KMU und B2B-Unternehmen können die Plattform für sich nutzen. Anwendungsmöglichkeiten sind zum Beispiel Livestreams zu Events, zu Q&As, Produktvorführungen oder Webinare.

Alternativ: Wer sich für Livestreaming-Plattform interessiert, kann sich auch Caffeine anschauen. Die von ehemaligen Apple-Designern entworfene App wurde 2018 gelauncht und funktioniert ähnlich wie Twitch, ist jedoch noch nicht so bekannt.

Im August 2019 enthüllte Porsche den neuen Formel-E-Rennwagen Porsche 99X Electric im Rahmen eines interaktiven „Formula E Unlocked“ Live-Videospiels. Nach Angaben von Porsche nahmen fast eine Million Zuschauer*innen teil, knapp 14 Millionen Kontakte konnten rund um die Kampagne generiert werden. (Quelle: Redaktion)
Die Plattform Bandsintown, die Konzerttermine listet, veranstaltete auf Twitch ein Mini-Musikfestival, mit dem erfolgreich Spenden für von der Coronakrise betroffene Musiker*innen gesammelt wurden. (Quelle: Redaktion)

Jodel – hyperlokal und studentisch

Auf dieser Social Media-Plattform werden dir nur Bilder und Texte aus deinem direkten Zehn-Kilometer-Umkreis angezeigt. Auf Jodelübrigens das bedeutendste Social Network aus Deutschland – postet eine junge studentische Zielgruppe Bilder und kurze Texte. Auf den ersten Blick erinnert das Ganze sehr an Twitter, jedoch mit einem weiteren Unterschied: Die Nutzer*innen sind anonym. Im Gegensatz zu anderen Plattformen muss man bei Jodel kein Nutzerprofil erstellen, sondern kann einfach direkt losjodeln“. Die Beiträge erscheinen in einem simplen News-Feed, in dem Nutzer*innen mit den Beiträgen interagieren und durch Upvoten bzw. Downvoten Karma-Punktefür einen Beitrag vergeben können. Die App ist derzeit am Expandieren und hat auch in anderen Ländern wie Österreich, Schweiz oder Saudi-Arabien bereits Fuß gefasst. 

Fazit: Aufgrund der lokalen Begrenzung eignet sich Model als Plattform für hyperlokale Marketing-Kampagnen, was auch für lokale Dienstleister und Shops interessant sein könnte. Die Zielgruppe ist größtenteils zwischen 18 und 26 Jahren alt und besteht zu 70 Prozent aus Studenten, hinzu kommen weitere 28 Prozent Young Professionals. Auch das dürfte für viele Unternehmen aus Marketingsicht interessant sein. Nicht zuletzt eröffnet die spitze Zielgruppe auch Chancen im Hochschul- und Personalmarketing. Zudem hat sich Jodel für Werbung geöffnet und bietet Display Ads im Feed oder Litfaßsäulen-Ads an. Mit Sixt, Lufthansa, McDonalds oder ING nutzen bereits einige namhafte Unternehmen die App und haben erfolgreiche Kampagnen umgesetzt.

Jodel-Anzeigenkampagne von Sixt für den Raum München (Quelle: Jodel)

Jodel bestehen meist aus lustigen Sprüchen, die häufig andernorts im Netz aufgegriffen werden, zum Beispiel auf Jodel-Fanpages bei Instagram und Facebook. Auch das Online-Magazin Mit Vergnügen sammelt regelmäßig die besten Jodel, wie hier zur Coronakrise. (Quelle: Jodel, Mit Vergnügen)

nebenan.de – deine digitale Nachbarschaft

Mit nebenan.de helfen wir Nachbarn sich im echten Leben miteinander zu verbinden.So fassen die Betreiber die Idee hinter dem 2015 in Berlin gegründeten, ortsbasierten sozialen Netzwerk zusammen. Menschen, die in derselben Nachbarschaft leben, sollen über nebenan.de miteinander bekannt gemacht werden und sich digital austauschen können – sei es für gemeinsame Aktivitäten oder Nachbarschaftshilfe. Praktische Funktionen wie ein Marktplatz, ein Veranstaltungskalender und Gruppen zu unterschiedlichen Themen und Interessen runden das Angebot auf der Plattform ab. Da das Thema Nachbarschaft bzw. Support your localnicht zuletzt durch die Coronakrise an Aktualität gewonnen hat, dürften ortsbasierte Nachbarschaftsnetzwerke auch künftig einiges an Potenzial bieten. 

Fazit: Interessant ist das nebenan.de für kleine, lokale Unternehmen und Gewerbetreibende, die hierüber mehr Sichtbarkeit erlangen und sich mit ihrer Community vor Ort verbinden können. Nebenan.de bietet hierfür spezielle Gewerbeprofile an. Auch lokale gemeinnützige Organisationen und Gemeinden können spezielle Organisationsprofile erstellen und dadurch vor Ort aktiv werden. Dies ist besonders für Stadtverwaltungen interessant, die über die Plattform mit Bürger*innen digital in Kontakt treten können, sich mit ihnen austauschen und über Neuigkeiten, Veranstaltungen und andere Services informieren können. 

Houseparty – triff deine Freunde online

Auch dieses soziale Netzwerk ist seit der Coronakrise vielen ein Begriff: Houseparty, eine App für Gruppen-Videochats und Messaging, die 2019 von Epic Games, den Machern von Fortnite“ übernommen wurde. Gerade in Zeiten von Social Distancing sind Gruppen-Videoanrufe gefragter denn je, weshalb sich Houseparty auch in den letzten Monaten in die Top-App-Downloads katapultierte. Ähnlich wie bei Facetime, Snapchat oder Zoom ermöglicht es die App, bis zu sieben Freunde gleichzeitig in einen virtuellen Raum einzuladen und dort gemeinsam abzuhängen.

Anders als bei anderen, ähnlichen Diensten müssen Freunde bei Houseparty nicht aktiv ausgewählt und angerufen werden, sondern können einfach so einem aktiven Treffen eines Freundes beitreten. Der Chatraum ist dabei nicht nur Freunde sichtbar, sondern auch für Freunde von Freunden, so dass eine bunte Mischung wie bei einer echten Housepartyentstehen kann. (Wer das nicht möchte, muss den Chatraum aktiv als privat abriegeln). Durch knallbuntes Design, Filter und Mini-Games wird der informelle Party-Charakter noch verstärkt. Die leicht verständliche und einfach zu bedienende App ist besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebt, sorgte jedoch zuletzt mit Datenschutz- und Hacker-Vorwürfen für Schlagzeilen. 

Fazit: Das Geschäftsmodell von Houseparty basiert derzeit nicht auf Anzeigen, sondern In-App-Käufen. Denkbare Nutzungsmöglichkeiten für Unternehmen wären zum Beispiel, Housepartys zu sponsern, gemeinsam mit Influencern Housepartys zu veranstalten oder eigene Chats für Kunden und Interessenten anzubieten, um in lockerem Rahmen Fragen zu beantworten oder Produkte vorzuführen. 

Alternativ: Wer sich für ähnliche Features und eine junge Zielgruppe interessiert, sollte über Snapchat noch einmal genauer nachdenken, das ebenfalls eine Videochat-Funktion für bis zu acht Personen enthält und darüber hinaus Unternehmen auch kreative Anzeigenformate bietet. 

Triller – Spaß mit Kurzvideos

Während TikTok mittlerweile in aller Munde ist, ist Triller hierzulande noch relativ unbekannt. Dabei gibt es die hauptsächlich in den USA beliebte Video-App bereits seit 2015. Ähnlich wie bei TikTok lassen sich über Triller kurze Videos zu Musik erstellen – die App schneidet die Videos sogar automatisch. Anders als bei TikTok können die Musik-Tracks ganz angehört und auch Musik von Spotify oder Apple Music kann genutzt werden. Der stärkere Fokus auf Musikvideos, bekannte Musikstars (darunter auffällig viele HipHopper und Rapper) und die Musikindustrie unterscheidet Triller von TikTok. Beide Plattformen werden jedoch hauptsächlich von der Generation Z genutzt und bedienen die Social Media-Trends Kurzvideo, Authentizität, Kreativität und User-Generated Content. Auch Snapchat-Stories und Videos können seit Kurzem auf Triller geteilt werden. Eigenen Angaben zufolge hat Triller derzeit Wachstumsraten im dreistelligen Bereich und bereits 75 Millionen Nutzer, davon 26,5 Millionen monatlich aktive Nutzer (vorrangig in den USA). 

Fazit: Aus Marketingsicht sind Challenges und Kooperationen mit Influencern denkbar – ähnlich wie bei TikTok. Obwohl Wachstum und Nutzerzahlen von Triller durchaus beeindruckend sind, bleibt abzuwarten, inwiefern die Plattform auch im deutschsprachigen Raum Fuß fasst.

Du bist erfolgreich auf einer Nischenplattform aktiv oder hast eine interessante Story/einen Case für uns? Dann schreib uns an magazin@socialhub.io!

Text: Susanne Maier
Titelbild: Anna Maucher über Franck V. auf Unsplash

Dieser Artikel erschien zuerst im SocialHub Mag – lade dir unser Social Media-Magazin hier kostenlos herunter!

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